Durch jahrhundertelange Praxis und Indoktrination hat sich das bestehende Geldsystem als unabänderliche Gegebenheit fest in Denken und Lebenspraxis eingenistet.
Es ist unhaltbar, weil das System aus mathematischen Gründen und wegen der Übertreibungen der letzten 30 Jahre in wenigen Jahren voraussichtlich zusammenbrechen wird. Zusammenbrüche hat es in der Vergangenheit wiederholt gegeben. Die Erfahrung muss sehr traumatisch für die betroffenen Völker gewesen sein, denn sie führte wiederholt dazu, dass ein strenges straf-bewehrtes Zinsverbot in die religiösen Vorschriften der betroffenen Gemeinschaften aufgenommen wurde. Einige Zeit, oft mehrere Jahrhunderte lang, blieb die Erinnerung an die wirtschaftliche Katastrophe erhalten, dann verblasste sie immer wieder. Dabei dürften die Nutzniesser der Einführung und Erhebung von Zinsen am Bewusstseinswandel in der Bevölkerung nicht unbeteiligt gewesen sein.
Heute ist das Zinsnehmen etwas, das jeder unbedingt haben will. Jeder strebt nach finanzieller Unabhängigkeit, nach dem „Leistungslosen Einkommen“. Man arbeitet viel, zahlt Geld in Fondssparpläne, beteiligt sich an Multi-Level-Marketing-Systemen (die das ganz offen versprechen), hofft auf eine Erbschaft und spielt in der Lotterie, denn man will viel Geld haben, das man „für sich arbeiten lassen“ kann: Leben von den Erträgen der Kapitalanlagen! Sogar mildtätige Stiftungen können nicht dauerhaft existieren, wenn sie nicht Zins und Zinseszins einnehmen, denn sie dürfen nur von den Erträgen, aber nicht vom Stiftungskapital die Mittel für die mit dem Stiftungszweck verbundenen Aufgaben und Ausgaben entnehmen.
Für Geld, mit dem man sich die finanzielle Unabhängigkeit, die „echte Freiheit“ in Gestalt von „ordentlichen Erträgen“ erkaufen kann, sind die Menschen bereit, alles andere zu opfern: ihre Gesundheit und ihre geistige und seelische Entwicklung durch Arbeitsüberlastung, ihre Beziehungen zur Familie wegen irgendwelcher Erbschaften. Alle Kapitalverbrechen (von lat. Caput, denn sie können den Täter den Kopf kosten) können zum Kapitalerwerb (viele Köpfe der Sklaven) eingesetzt werden, auch wenn Nutzen und Risiko (siehe den jungen Fussballschiedsrichter, der für einen Fernsehapparat seinen geliebten Beruf aufs Spiel setzte und verlor, während seine Anstifter durch ihn Millionen errafften) in keinem sinnvollen Verhältnis stehen.
Unangenehme Gedanken, wie der, dass für die Erwirtschaftung von Gewinnen die meistens mehr und selten weniger gewalttätige Vernutzung von Menschen und Umwelt unbedingte Voraussetzung ist, werden leicht und gern verdrängt. Dafür sind die angestellten Manager zuständig und verantwortlich. Aber doch nicht der „kleine Geldanleger“ oder der grossmächtige Investor!
Wer diesen Zuständen entgehen will, hat nur geringe Chancen. Er kann versuchen, sich weitgehend selbst zu versorgen, aktives Tauschring-Mitglied werden und insgesamt seinen Geldbedarf vermindern, so weit es irgend geht. Am besten geht das in einer Art vormoderner Subsistenzwirtschaft, sprich: Mit Ackerbau und Viehzucht. Und man kann sich an Geldreform-Projekten beteiligen.
In jedem Fall fordert man das „Finanzsystem“ heraus, denn man entzieht durch nicht systemkonforme Aktivitäten dem System den Ertrag, nach dem es giert. Wobei das „System“ sich dem Einzelnen darstellt als rigoros steuereintreibender Staat, als Wirtschaftssystem, in dessen Preisen Zinsanteile von bis zu 80 % enthalten sind und als Welthandel mit Erdöl auf ausschliesslicher Dollarbasis.
„The Empire strikes back“, das Imperium schlägt jedenfalls zurück. Wer sich dem System entwinden will, auf welcher Ebene auch immer, bekommt seine Klauen und Zähne zu spüren, gerade jetzt, wo der Kapitalismus bereits tödlich getroffen nur noch vor sich hin taumelt, spürt jeder seine sonst sorgfältig verborgene Gewalttätigkeit. In kleinem Umfang kann man sehr wohl dem globalen System offen Wirtschaftskraft entziehen. Sobald aber signifikante Anteile wirtschaftlicher Erträge einer Region vom Weltgeldmarkt abgekoppelt werden, gibt es handfesten Ärger.
Haiti darf sich nicht wirtschaftlich zum Wohle der Bevölkerung entwickeln, weil man die Arbeitskraft der dortigen Menschen billig ausbeuten will. Grenada hatte sich eine Ordnung gegeben, die zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Wohlstand führte. Das wurde diesen Leute mit Intrigen und US-Waffengewalt effektiv ausgetrieben, ihre politischen Führer hingerichtet. Den Mächtigen in Irak und Libyen bekamen ihre Ideen, ihr Erdöl gegen EURO zu verkaufen ebenfalls äusserst schlecht, ihre Länder wurden geplündert und die Infrastruktur so zerstört, dass nach dem Krieg hoch interessante Investitionsmöglichkeiten für die Industrien der Sieger entstanden, deren Profite natürlich nicht den Bewohnern dieser Länder zugute kommen werden.
Viele Verschwörungstheorien haben wohl einen harten wahren Kern.
Vorsicht ist also geboten, wenn man die Welt verbessern will. Den Kopf zu benutzen, um ausserhalb des Systems erfolgreich leben zu können kann selbigen kosten.
Geldreform ist ein gefährliches Ding für den, der daran arbeitet, denn trotz Organisationen, wissenschaftlicher Gruppierungen und Fachliteratur steht er allein auf weiter Flur. Er kann sich eine Menge theoretischer Kenntnisse aneignen, sich selbst Pläne machen, wie Einführung und Betrieb funktionieren könnte, sich bemühen, das erforderliche Geld (EURO!) zu beschaffen, um ein den Regeln des zuständigen Dachverbandes entsprechendes Projekt aufzuziehen. Er wird feststellen, dass alle Fachliteratur um die Praxis einen weiten Bogen schlägt und es für ihn keine systematische Möglichkeit gibt, sich das nötige Fachwissen anzueignen. Die Arbeitsbelastung der Aktiven ist immens und das Scheitern vorprogrammiert. Wenn er nicht von alleine aufgibt, scheint die Notenbank in ähnlicher Weise zu intervenieren wie weiland in Wörgl, mit Verboten und Polizeiaktionen.
Im Übrigen bieten Geldreform-Projekte der Obrigkeit eine feine Möglichkeit, die störenden kulturell Kreativen zu beobachten und sie beschäftigt zu sehen. Alles ist so konstruiert, dass eigentlich nichts dabei herauskommen kann, ausser der Verschwendung von menschlicher Energie.
Wer die Welt verändern will, sollte sich ein anders Tätigkeitsgebiet suchen, das wirkungsvoll aber unauffällig vielfältige Möglichkeiten bietet und gefahrlos zu bearbeiten ist.
Spätestens seit Frederic Vester und seinem kybernetischen Spiel „Ökolopoly“ kann sich jeder klarmachen, dass das Gebiet, das am sichersten zur Verbesserung der Lebensbedingungen einer Gesellschaft beiträgt, die Bildung der Bevölkerung ist. Was man im Kopf hat, hat man stets zur Verfügung. Gedanken sind (zoll)frei. Dabei kann man sich nicht darauf verlassen, dass das staatliche Bildungssystem das Ziel hätte, Menschen mit Weltverbesserungspotential heranzuziehen. Sein Ziel ist vielmehr der anpasslerische Aufgabenerfüller ohne eigene Kreativität.
Ohne mutig ausgelebte Kreativität ist aber Weltverbesserung überhaupt nicht möglich. Ohne gediegene Kenntnisse von Geschichte, eigener Kultur, Politischer Wissenschaft, ohne die mathematische Fähigkeit, die Zahlen nachzuprüfen, die durch die öffentliche Diskussion geistern, Gedanken geordnet und in verständlicher Sprache zu Papier und anschliessend ohne falsche Scheu mündlich vor Menschenansammlungen beliebiger Grösse überzeugend vorzutragen, ist jede Mühe vergebens. Und natürlich muss jemand wissen was er will und imstande sein, Wege zu ersinnen und zu gehen, wie er seine Ziel erreicht, Mitstreiter und Förderer finden und von seiner Sache überzeugen, Mitmacher und Nachahmer heranziehen, um die e eigene Idee unters Volk zu bringen und zu verbreiten.
All diese Voraussetzungen „liefert“ die staatliche Zwangs(ver)bildung natürlich nicht. Also braucht es dafür private Initiativen. Bibliotheken als private Kultureinrichtungen, gefüllt mit den Büchern, die durch Todesfall und andere Umstände zu herrenlosem Gut werden, liebevoll geordnet und gepflegt von unabhängigen Menschen mit einem eigenen Programm. Einrichtung von privaten Zirkeln, in denen fehlender Schulstoff auch im Erwachsenenalter nachgeholt werden kann. Deutsch-Übungsstunden für Ausländer, Mathematik-Unterricht, Lesekreise usw usf.
Nur ein neues Geld zu schaffen, ohne an die Voraussetzungen der Menschen zu denken, die damit umgehen sollen, heisst den dritten Schritt vor dem ersten zu tun. Misserfolg garantiert.
Man wird das eine tun, ohne das andere zu lassen: zeitlich begrenzte Lokalgelder für Bürgerfeste und Märkte einführen, Vorträge, Seminare, Reisen zu Ausstellungen und Theateraufführungen veranstalten. Und zugleich intensive Bildungs- und Informationsarbeit leisten.